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"Heute früh habe ich meine Rosenstöcke beschnitten..."





Wenn du bei deinem Freund und bei dir selber, anderswo als in dir und anderswo als in ihm die gemeinsame Wurzel suchst, wenn es für euch beide einen göttlichen Knoten gibt, der sich aus der Zusammenhangslosigkeit der Baustoffe ablesen lässt und die Dinge verknüpft, so gibt es keine Entfernung und keine Zeit, die euch trennen könnte, denn die Götter, auf die sich eure Einheit gründet, spotten aller Mauern und Meere.

Ich habe einen alten Gärtner gekannt, der mir von seinem Freund erzählte. Beide hatten lange Zeit wie Brüder zusammengelebt, bevor das Leben sie trennte; sie hatten ihren Abendtee miteinander getrunken, sie hatten gleiche Feste gefeiert und einander aufgesucht, um sich Rat zu holen oder sich ins Vertrauen zu ziehen. Im Grunde hatten sie sich wenig zu sagen, und weit häufiger sah man sie nach getaner Arbeit spazieren gehen und, ohne ein Wort zu reden, die Blumen, die Gärten, den Himmel und die Bäume anschauen. Wenn aber einer von ihnen nickte, während er mit dem Finger eine Pflanze betastete, beugte sich auch der andere nieder und nickte ebenfalls, da er die Spuren der Schnecken erkannte. Und die schön geöffneten Blumen bereiteten ihnen die gleiche Freude.

Nun geschah es, dass ein Kaufmann, der den einen von beiden in seine Dienste genommen hatte, diesen für einige Wochen seiner Karawane zuteilte. Doch die Karawanenräuber und die übrigen Wechselfälle des Daseins sowie die Kriege zwischen den Reichen, die Stürme und die Schiffbrüche und die Untergänge, die Trauerfälle und die Berufe, mit denen er sein Leben verdiente, warfen jenen jahrelang hin und her, so wie das Meer ein Fass hin und her schleudert. Sie trieben ihn von Garten zu Garten bis ans Ende der Welt.

Schließlich aber, nachdem all die Zeit in Schweigen dahingegangen war, empfing mein Gärtner einen Brief seines Freundes. Gott weiß, wie viele Jahre dieser Brief gereist sein mochte. Gott weiß, welche Postkutschen, welche Reiter, welche Schiffe, welche Karawanen ihn nacheinander mit einer Zähigkeit, wie sie den zahllosen Meereswellen eigen ist, bis in seinen Garten befördert hatten. Und da er an diesem Morgen sein Glück ausstrahlte und wünschte, dass man daran teilnehme, bat er mich, ihm den Brief vorzulesen, den er empfangen hatte, sowie man darum bittet, man möge ein Gedicht vorlesen. Und er betrachtete forschend mein Gesicht, um die Rührung darin zu erkennen, die mir das Lesen verursachte. Und freilich standen da nur einige Worte, denn die beiden Gärtner wussten gewandter mit dem Spaten umzugehen als mit der Feder. Und ich las nur diese Worte: „Heute früh habe ich meine Rosenstöcke beschnitten...“ Dann sann ich über die Hauptsache nach, von der es mir schien, dass sie nicht in Worte zu fassen sei, und nickte stumm, so wie es diese beiden getan hätten.

Mein Gärtner kannte nun keine Ruhe mehr. Ihr hättet ihn sehen sollen, wie er sich über die Geographie, die Schifffahrt, die Kuriere und die Karawanen und die Kriege zwischen den Reichen unterrichtete. Und drei Jahre später wollte es der Zufall, dass ich eine Gesandtschaft zur andern Seite der Erde ausrüstete. Da ließ ich meinen Gärtner rufen: „Du kannst deinem Freund schreiben.“ Und meine Bäume litten ein wenig Not und die Kräuter des Gemüsegartens auch, während die Schnecken Feste feierten, denn er verbrachte ganze Tage daheim, um zu kritzeln, zu radieren und sein Werk wieder von vorn zu beginnen, und er streckte die Zunge heraus, wie ein Kind über seiner Arbeit, denn er wusste, dass er etwas Dringendes zu sagen hatte, und verlangte danach, sich seinem Freund in seiner ganzen Wahrheit mitzuteilen. Er musste seine eigene Brücke über den Abgrund schlagen und sich über Raum und Zeit hinweg mit dem anderen Teil seiner selbst vereinigen. Er musste ihm seine Liebe sagen. Und so kam er, über und über errötend, und zeigte mir seine Antwort, um abermals aus meinem Gesicht einen Widerschein der Freude abzulesen, wie sie den Empfänger erhellen würde, und so an mir die Macht zu erproben, die seinen vertraulichen Nachrichten innewohnte. Und es gab in Wahrheit nichts Wichtigeres, was er kundtun konnte, da es für ihn dabei um das ging, worin er sich vor allem austauschte, nach Art der alten Frauen, die im Spiel der Nadeln ihre Augen verbrauchen, um ihren Gott mit Blumen zu schmücken. Ich las, dass er seinem Freund mit seiner sorgsamen und unbeholfenen Handschrift, wie ein Gebet, von dem er ganz durchdrungen war, doch mit bescheidenen Worten anvertraute: „Heute früh habe auch ich meine Rosenstöcke beschnitten...“

Und ich verstummte, während ich las, und sann über die Hauptsache nach, die sich mir nun besser zu offenbaren begann.



Antoine de Saint-Exupéry


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