Montag, 29. Dezember 2014

Begleitung





wach träumt ihr
in uns
und wo wir schlafen
sprecht ihr laut:

einstimmige duette zu singen
heißt die fingerübung



Sr.





Sonntag, 7. Dezember 2014

Sonntag, 30. November 2014

bis dass der tod uns nicht scheidet




herzlich
nehmen wir anteil
wir nehmen teil an
den rosen dem gelb dem reich
der lebenden toten
so wahr sie uns helfen




Sr.








Freitag, 21. November 2014

Mittwoch, 12. November 2014

siehe





augen seid ihr geworden
ihr anders lebendigen
daraus strahlt unser weg:
mit euch irren wir nicht




Sr.
 

Sonntag, 9. November 2014

omnibus






dass nur die nacht uns 
holt und sonst niemand so
bitten wir gerade heute 
in deutsch
land
amen



Sr.





Mittwoch, 5. November 2014

Sonntag, 2. November 2014

Weiß man, was Birken wissen?



Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, 
da ward es traurig und wusste anfangs selbst nicht, 
was ihm fehlte, endlich merkte es, dass es Heimweh war; 
ob es ihm hier gleich viel tausendmal besser ging als zu Hause, 
so hatte es doch Verlangen dahin. 
Endlich sagte es zu ihr: 
"Ich habe den Jammer nach Haus kriegt, 
und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, 
so kann ich doch nicht länger bleiben, 
ich muss wieder hinauf zu den Meinigen."
Die Frau Holle sagte: 
"Es gefällt mir, dass du wieder nach Hause verlangst, 
und weil du mir so treu gedient hast, 
so will ich dich selbst wieder hinaufbringen."
Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. 
Das Tor ward aufgetan, 
und wie das Mädchen gerade darunter stand, 
fiel ein gewaltiger Goldregen, 
und alles Gold blieb an ihm hängen, 
so dass es über und über davon bedeckt war. 
"Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist",
 sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. 
Darauf ward das Tor verschlossen, 
und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, 
nicht weit von seiner Mutter Haus.

aus dem Märchen "Frau Holle"



*

Mittwoch, 22. Oktober 2014

dauerhaft





Die Überzeugung unserer Fortdauer
entspringt mir aus dem Begriff der Tätigkeit;
denn wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke,
so ist die Natur verpflichtet,
mir eine andere Form des Daseins anzuweisen,
wenn die jetzige meinen Geist nicht ferner auszuhalten vermag.



Johann Wolfgang von Goethe




*



Freitag, 17. Oktober 2014

königlich





Es gibt eine Ritterschaft des 21. Jahrhunderts,
deren Ritter nicht durch die dunklen Wälder reiten wie früher,
sondern sie reiten durch den Wald verdunkelter Gedanken.

Sie sind gewappnet mit geistiger Rüstung,
und eine innere Sonne lässt sie erstrahlen.

Aus ihnen scheint Heilung,
Heilung, die aus der Erkenntnis stammt,
dass der Mensch ein geistiges Wesen ist.

Sie müssen innere Ordnung und Gerechtigkeit,
Frieden und Überzeugung schaffen
in der Dunkelheit unserer Zeit.

Sie müssen lernen,
an der Seite von Engeln zu handeln.



Karl König


*


Sonntag, 5. Oktober 2014

Erntedank




Gott ist der tiefste Gedanke,
den der Mensch je gedacht hat.
Gott ist der eigentliche Gedanke der Erde,
der einzige all unserer Gedanken,
der, geschweige denn in Jahrtausenden,
innerhalb ihres, der Erde, ganzen Daseins
nicht zu Ende gedacht werden kann.
Gott ist die große Frage der Erde, aller Erden:
Ihr Leben, ihre offenbare zugleich
und geheime Antwort.



Christian Morgenstern


*

Donnerstag, 18. September 2014

Mauerschau




Man kommt dahin, die Erbsünde zu erkennen - und zu kennen -,
diesen düsteren Kontrapunkt des Bösen,
der in unserem Wesen, ja, von unserem Wesen, 
doch nicht unser Wesen ist.
Dass jemand die Katastrophe bejaht für das, dem wir zu dienen suchen,
und Unglück sogar für die, zu denen wir halten.

Leben in Gott ist nicht Flucht aus dem Leben,
sondern der Weg zur vollen Einsicht:
Es ist nicht unsere Verdorbenheit,
die uns zu einer fiktiven religiösen Lösung zwingt,
sondern das Erleben der religiösen Wirklichkeit,
welches die Nachtseite ans Licht bringt.

Erst dann, wenn wir vor dem allsehenden Blick der gerechten Liebe bleiben,
vermögen wir zu sehen, wagen zu erkennen
und bewusst darunter zu leiden,
dass etwas in uns die Katastrophe begrüßt,
das Misslingen herbeiwünscht,
von der Niederlage stimuliert wird -
sobald es sich um eine Sphäre außerhalb unserer engsten Eigeninteressen handelt.
So ist eine lebendige Gottbeziehung
eine Voraussetzung für die Selbsterkenntnis,
in welcher wir klaren Linien folgen können,
und, in diesem Sinn, siegen und Verzeihung erhalten -
über uns selbst, von uns selbst.







*

Sonntag, 14. September 2014

Donnerstag, 11. September 2014

Durchsicht




dorthin brich,
auge,
der tod ist blau
und ein raum,
wände sind wir,
die ihn bilden




Sr.


*

Samstag, 6. September 2014

Donnerstag, 28. August 2014

wie es perlt





Wie schön und rechtmäßig klingt das volle Ich Goethes!
Es ist das Ich des reinen Umgangs mit der Natur;
sie ergibt sich ihm und spricht unaufhörlich mit ihm,
sie offenbart ihm ihre Geheimnisse 
und verrät doch ihre Geheimnisse nicht.
Es glaubt an sie und spricht zur Rose:
"Du bist es also" -
da steht es mit ihr in einer Wirklichkeit.
Daher bleibt,
wenn es auf sich zurückgeht,
der Geist des Wirklichen bei ihm,
das Schauen der Sonne haftet an dem glücklichen Auge,
das sich auf seine Sonnenhaftigkeit besinnt,
und die Freundschaft der Elemente geleitet den Menschen
in die Stille des Sterbens und Werdens.



Martin Buber


*

zu Goethes 265. Geburtstag





Mittwoch, 20. August 2014

zuFall



Gott sagt nicht:
"Das ist ein Weg zu mir,
das aber nicht",
sondern er sagt:
"Alles, was du tust,
kann ein Weg zu mir sein,
wenn du es nur so tust,
dass es dich zu mir führt."
Was aber dies ist,
das eben dieser Mensch
und kein andrer tun kann und tun soll,
kann ihm nur aus ihm selber
offenbar werden.



Martin Buber




*



Donnerstag, 14. August 2014

angelockt




wer weiß wie
engel schmecken
wer hat noch
den geschmack auf
der zunge von
damals als sie uns
küssten zum
abschied


wer weiß wie
engel schmecken wer
fühlt noch den
mund der uns sagt
und meint




Sr.



*


Mittwoch, 13. August 2014

Götterstrahl



dein sonnengesang
schwester
leuchtet mir ein

komm flamme
wir wollen uns
anzünden

zum
friedensfeuer




Sr.


Montag, 11. August 2014

Abgesang




Fährfrau mit dem runden Hut
Hast du ihn gesehen?
Ja, sagt die Fährfrau.

Hirte mit dem toten Lamm
Hast du ihn gesehen?
Ja, sagt der Hirte.

Bergmann mit dem weißen Licht
Hast du ihn gesehen?
Ja, sagt der Bergmann.

Welchen Weg ging er, Fährfrau?
Übers Wasser trocknen Fußes.

Welchen Weg ging er, Hirte?
Berghinüber leichten Atems.

Welchen Weg ging er, Bergmann?
In der Erde lag er still.

Was stand auf seinem Gesicht geschrieben?
Frieden, sagten alle, Frieden.




Marie Luise Kaschnitz




*

Freitag, 8. August 2014

Ausreisegedicht



Die Gegenstände sehen mich kommen
barfuß
ich gebe ihnen die Freiheit wieder
meinem Bett das mein Bett sein wollte
meinem Tisch
den Wänden die auf mich zu warten versprachen
wie die Wände der Kindheit.
Meine sanften Gegenstände
ihr wolltet mich sammeln.

Gegenstände
ihr seht mich gehn.




Hilde Domin


*

Montag, 4. August 2014

herzlich



 Religion als Wagnis,
die sich selber aufzugeben bereite,
ist der nährende Arterienstrom;
als System, besitzend, gesichert und sichernd,
Religion, die an Religionen glaubt,
ist sie Venenblut, das ins Stocken geriet.
Und wenn es nichts gibt,
das uns so das Antlitz des Mitmenschen verstellen kann wie die Moral,
kann die Religion uns wie nichts anderes das Antlitz Gottes verstellen.
Prinzip dort, Dogma hier,
ich weiß die "objektive" Dichtigkeit des Dogmas zu schätzen,
aber hinter beiden lauert der - profane oder heilige - 
Krieg gegen die dialogische Gewalt der Situation,
lauert das Ein-für-alle-mal,
das dem unvorhersehbaren Augenblick widersteht.



Martin Buber


*




Donnerstag, 31. Juli 2014

von Rosen gedacht



Der du meine Wege mit mir gehst,
jede Laune meiner Wimper spürst,
meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst -
weißt du wohl, wie heiß du oft mich rührst?

Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern.
Meine Liebe wird mich überdauern
und in fremden Kleidern dir begegnen
und dich segnen.
Lebe, lache gut!
Mache deine Sache gut!



Joachim Ringelnatz





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Montag, 28. Juli 2014

lumen



Ist dies Neuland
in anderer Wirklichkeit
als der des Tages?
Oder lebte ich da
vor diesem Tag?




Dag Hammarskjöld




Dienstag, 22. Juli 2014

tit for tat





Es sind die Lebenden,
die den Toten die Augen schließen.

Es sind die Toten,
die den Lebenden die Augen öffnen.




Slawisches Sprichwort



298 mal 2 Augen


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