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Stimmabgabe



Wäre ich an Ihrer Stelle,
ich wüsste nicht, was mir zustoßen könnte,
doch bin ich ziemlich sicher,
dass ich zum voraus keinen Suizid planen würde.
Eher hielte ich am Leben fest,
solange ich imstande wäre,
mein Schicksal zu ertragen,
oder bis reine Verzweiflung meine Hand führte.
Der Grund für diese "unvernünftige" Einstellung läge für mich
in einer großen Unsicherheit über das, was nach dem Tod geschieht.
Ich habe gute Gründe anzunehmen,
dass die Dinge mit dem Tod nicht zu Ende sind.
Es scheint, als sei das Leben
ein Zwischenspiel in einer langen Geschichte.
Sie bestand schon, bevor ich war,
und wird höchstwahrscheinlich weitergehen,
wenn das bewusste Intervall in einer dreidimensionalen Existenz zu Ende ist.
Aus diesem Grunde würde ich so lang als menschenmöglich durchhalten,
würde versuchen, alle vorgefassten Meinungen fallen zu lassen,
und die mir zukommenden Winke über post-mortem Ereignisse ernsthaft bedenken.
...
Vergewissern Sie sich zuerst,
ob es wirklich Gottes Wille ist, dass Sie sich umbringen,
oder nur der Wille Ihrer Vernunft.
Letzterer zählt entschieden nicht genug.
Ist es ein Akt reiner Verzweiflung,
wird er nicht gegen Sie sprechen,
doch ein willentlich geplanter Akt mag schwer gegen Sie ins Gewicht fallen.
Das ist meine inkompetente Meinung.
...
Ich unterschätze nicht Ihre wahrhaft schreckliche Qual.



Carl Gustav Jung
am 19.11.1955


*




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Sr.

für Mirjam Hege


*

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*

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