Sonntag, 19. Juni 2011

Sehnsucht

Platero, du siehst uns, nicht wahr?
Nicht wahr, du siehst, wie das kalte helle Wasser des Ziehbrunnens im Gemüsegarten friedlich lacht; wie im letzten Licht die geschäftigen Bienen um den grün und lila Rosmarinstrauch fliegen, rosig und golden in der Sonne, die noch den Hügel entzündet?
Platero, du siehst uns, nicht wahr?
Nicht wahr, du siehst, wie auf der roten Steigung an der alten Quelle die Eselchen der Wäscherinnen vorbeiziehen, müde und lahm und traurig in der unendlichen Reinheit, die Erde und Himmel zu einem einzigen glänzenden Kristall verbindet?
Platero, du siehst uns, nicht wahr?
Nicht wahr, du siehst, wie die Kinder zwischen den wilden Rosmarinbüschen herumtoben, deren Blüten auf den Zweigen sitzen wie ein leichter Schwarm undeutlicher weißer, karminrot gesprenkelter Schmetterlinge?
Platero, du siehst uns, nicht wahr?
Platero, nicht wahr, du siehst uns? Ja, du siehst mich. Und ich glaube, deinen sanften klagenden Schrei zu hören, ja, ich höre ihn wirklich in der wolkenlosen Abenddämmerung, wie er das ganze Tal der Weinberge mit Süßigkeit erfüllt.


aus "Platero und ich" von Juan Ramón Jiménez





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