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Der Schindanger

Wenn du vor mir stirbst, mein Platero, wirst du nicht im Karren des öffentlichen Ausrufers zu der großen Maremme gefahren noch zu der Schlucht zwischen den Bergen wie die anderen armen Esel, wie die Pferde und Hunde, die von niemandem geliebt werden. Du wirst, wenn die Handelsreisenden mit dem Sechsuhrwagen nach der Station von San Juan fahren, ihnen nicht das hässliche Schauspiel deiner blutenden von Raben zerfleischten Rippen bieten, als stünde das Wrack eines Schiffes vor dem dunkelglühenden Sonnenuntergang. Du wirst auch nicht, steif und geschwollen, zwischen den verfaulten Muscheln in der Grube der Schrecken der Kinder sein, die mutig und neugierig sich über ihren Rand beugen und sich an den Zweigen festhalten, wenn sie im Herbst am Sonntagnachmittag in den Wald gehen, um geröstete Pinienkerne zu essen.
Sei ganz beruhigt. Ich werde dich im Garten von La Pina am Fuße des großen Pinienbaumes begraben, den du so gern hast. Du wirst weiter an dem frohen und heiteren Leben teilhaben. Bei dir werden die Kinder spielen und die kleinen Mädchen auf ihren niedrigen Stühlchen nähen. Du wirst die Verse kennen lernen, die mir die Einsamkeit schenkt. Du wirst die Mädchen singen hören, wenn sie bei den Orangenbäumen waschen, und das Geräusch des Ziehbrunnens wird froh und frisch in deinen ewigen Frieden klingen. Und das ganze Jahr über werden die Stieglitze und Distelfinken zwischen deinen Schlaf und den ewig blauen Himmel von Moguer in dem immer grünen Wipfel ein kleines Dach aus Musik bauen.

aus "Platero und ich" von Juan Ramón Jiménez


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einstimmig

stimm an, tote,
das große wort,
lass uns hören,
was zu sagen ist,
gib den ton an,
damit es stimmt,
so sprechen wir
aus einem mund,
dein vorbild
lacht uns an.


Sr.

für Mirjam Hege


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Adventsrede

Und die Bewegtheit des Herrn ist ohne Groll und von großer Dauer. Und seine Gerechtigkeit hört nicht auf, und seine Güte bleibt ewig. Und darum entfernen wir gern die Bitterkeit, wie ein enges Gewand. Und die Trauer legen wir ab, wie einen Mantel im Frühling.
Und mit viel Sorgfalt nehmen wir die Einsamkeit von unserer Stirn. Und wir weisen unsere Aufmerksamkeit hin zu den einfachen Dingen. Und wir verlassen uns auf das Dach, das keinen Regen durchlässt. Und wir vertrauen dem Stuhl, der fest steht, und der uns trägt.
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Fischzug

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