Direkt zum Hauptbereich

Im Jahre 1943

Am 13. Januar
starb in Zürich
fliehend aus dem besetzten Frankreich
die Malerin, Tänzerin, Träumerin
Sophie Täuber-Arp.
Sie heizte ein kaltes Zimmer
mit Blättern
ihres Französisch-Wörterbuches
das sie nun
nicht mehr brauchte
und vergiftete so ihre Lungen.

Am 22. Februar
starb in München
jung, so jung
die Träumerin, Denkerin, Flugblattverteilerin
Sophie Scholl
durch das Fallbeil.
Sie hatte die Freiheit des Menschen
eingefordert in unfreier Zeit.

Am 1. März
gebar meine Mutter in Biel
ihr zweites Kind.

Ich hoffe, es haben
Zuflucht gefunden
in meiner Seele
die zwei Sophies
spielend die eine
denkend die andere
beide träumend
von Freiheit
von Schönheit
von Mut
und von Liebe.

Franz Hohler





Kommentare

  1. Liebe Stefanie,

    heute Abend habe ich mal intensiv
    in deinem Blog hier gelesen.

    Meine Mutter hat am 22. April 1943
    ihr zweites lebendes Kind geboren.
    Im Februar 1942 hatte sie eine
    Totgeburt.

    Liebe Grüße
    Elisabeth

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Elisabeth,
    das bist du, das zweite lebende Kind?

    Vielen Menschen geschehen ähnliche Dinge; oder umgekehrt: es ergeht vielen Menschen ähnlich. Nur wissen wir es nicht voneinander. Bis jemand das Wort ergreift und etwas ausdrückt, in dem wir uns erkennen. --
    Gestern, als du den Kommentar schriebst, hatte ein lieber Freund von mir Geburtstag, geboren 1943. Er erzählte mir einmal, wie nah er sich einem Menschen fühlte, der zwei Tage vor seiner Geburt, nämlich am 4.3.1943, verstorben war. Es ist keine Grenze, es ist ein lebendiges Beieinandersein, wenn wir uns entdecken.
    Liebe Grüße,
    freue mich über deine Worte,
    Stefanie

    AntwortenLöschen
  3. liebe Stefanie,

    du hast es erraten.
    Schön, dass du ein solches Einfühlungsvermögen hast.

    Ich lese und schaue gern bei
    dir:
    Da spüre ich tiefe Verbundenheit.

    Herzliche Grüße
    Elisabeth

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

einstimmig

stimm an, tote,
das große wort,
lass uns hören,
was zu sagen ist,
gib den ton an,
damit es stimmt,
so sprechen wir
aus einem mund,
dein vorbild
lacht uns an.


Sr.

für Mirjam Hege


*

Adventsrede

Und die Bewegtheit des Herrn ist ohne Groll und von großer Dauer. Und seine Gerechtigkeit hört nicht auf, und seine Güte bleibt ewig. Und darum entfernen wir gern die Bitterkeit, wie ein enges Gewand. Und die Trauer legen wir ab, wie einen Mantel im Frühling.
Und mit viel Sorgfalt nehmen wir die Einsamkeit von unserer Stirn. Und wir weisen unsere Aufmerksamkeit hin zu den einfachen Dingen. Und wir verlassen uns auf das Dach, das keinen Regen durchlässt. Und wir vertrauen dem Stuhl, der fest steht, und der uns trägt.
Und es kommen wieder zu uns die täglichen Wiesen und die Sonntage. Und die Salamander mit den seidenen Strümpfen und goldenen Hemden. Und auch die Lämmer und die Zicklein ... meine gnädigen Freunde.
Und die Lieder der Hirten ... und die Gebete der erwachenden Frauen. Und es brechen die Tore auf ... und es treten hervor die Erkennbaren. Und sie stehen makellos da ... und sie breiten ihre Flügel aus.


Jesse Thoor


*

Fischzug

Ein kleiner Junge, neugeboren, lebend geboren, wurde am Nachmittag des Karsamstags 2017 in Schifferstadt gefunden. Zwei Mitarbeiter einer Spedition  entdeckten die kleine Leiche in einem Altkleidersack. Sie waren dabei, die Säcke aus Sinsheim oder Mühlhausen in einen  sogenannten Schiffscontainer zu verladen,
der als Sammelstelle für Altkleider verwendet wird.

Der Junge war in diese beiden Handtücher gewickelt.

Wer bist du, Kind?