Samstag, 4. Dezember 2010

Eingang




Wer du auch seist: am Abend tritt hinaus
aus deiner Stube, drin du alles weißt;
als letztes vor der Ferne liegt dein Haus;
wer du auch seist.
Mit deinen Augen, welche müde kaum
von der verbrauchten Schwelle sich befrein,
hebst du ganz langsam einen schwarzen Baum
und stellst ihn vor den Himmel: schlank, allein.
Und hast die Welt gemacht. Und sie ist groß
und wie ein Wort, das noch im Schweigen reift.
Und wie dein Wille ihren Sinn begreift,
lassen sie deine Augen zärtlich los...


Rainer Maria Rilke







Sonntag, 28. November 2010

Meine lebendigen Toten




Meiner Toten will
ich vor dir gedenken, Herr,
aller derer, die einmal
zu mir gehörten
und von mir gegangen sind.
Ihrer sind viele, so viele,
dass ich sie gar nicht
mit einem Blick überschauen kann,
sondern in der Erinnerung
meinen Lebensweg
noch einmal entlang gehen
muss, wenn meine Trauer
sie alle grüßen will.

Stiller Gott,
Gott der stillen Toten,
lebendiger Gott
der Lebendigen, Rufer
durch Schweigen, Gott derer,
die durch ihr Schweigen
mich in dein Leben
hineinrufen wollen,
lass mich meine Toten,
meine Lebendigen
nicht vergessen.



Karl Rahner