Dienstag, 2. Mai 2017

schwiizer



luege
aaluege
zueluege

nöd rede
sicher sii
nu luege

nüd znäch
nu vu wiitem
ruig bliibe

schwiizer sii
schwiizer bliibe
nu luege.



Eugen Gomringer




Freitag, 28. April 2017

anweisung für christen ostern zu feiern

1. wenn ihr auch 
die ordnung der welt 
durch dieses fest nicht stören werdet 
so sollte dieses fest 
doch wenigstens in euch und unter euch 
ein solches feuer entzünden 
dass durch seinen widerschein 
die welt der toten 
oder richtiger: die welt des todes 
erleuchtet wird - 
tausend und abertausend tote! 

 2. dieses fest 
muss ein solches gewicht haben 
dass es die toten einbezieht 
es muss sie anrühren 
es muss sie auf uns aufmerksam machen 
es muss so schön sein 
dass es unsere wände durchbricht 
unsere tausend wände 

3. inszeniert ein unvergleichliches fest 
so extrem wie möglich! 
ihr müsst mit allen mitteln versuchen 
das zu durchbrechen 
was uns trennt 

 4. jeder möge aus sich das geheimste 
und tiefste herausholen 
nicht mit kunstgriffen 
ihr müsst ungewöhnlich gehen 
ungewöhnlich aufeinander zu gehen 
schönste gesten probieren die aus 
einer geheimen quelle aufsteigen 
alles muss anders sein 
wenn ihr dieses fest feiert 

 5. ostern ist das fest der grenze 
es ist das fest aller freiheiten 
an diesem fest dürft ihr euch nicht mehr 
an die spielregeln der gesellschaft 
gebunden fühlen 
ihr wäret tot 
wie sollte da 
neues leben von euch ausgehen 

 6. übertreibt alles: 
das geben 
das nehmen 
das lachen 
das weinen 
alles bis zum äußersten 
ostern ist das fest des äußersten 
erst so kommt ihr euch nahe 

 7. eure kleider müssen aus armseligen 
und ganz kostbaren stoffresten 
zusammengenäht sein 
keine modische schönheit 
eine schönheit die alles übertrifft 
die sich in keine der üblichen ordnungen 
einreihen lässt 
eine neue schönheit muss an euch sichtbar 
werden 

 8. seid still 
dass ihr euch hören könnt 
ganz still 
dass eure worte nicht aus dem kehlkopf  
kommen 
ich weiß nicht woher 
lasst sie entspringen 
vielleicht kommen worte herüber 
aus dem bereich eurer toten 
ultraworte 
nie gehörte 

 9. ihr müsst an den straßenecken stehen 
aufeinander warten 
aufeinander zu gehen 
stehenden fußes miteinander essen 

alle einbeziehen 
 10. ihr müsst faszinieren! 
sonst gebt es auf 
extrem 
nur noch extrem 
könnt ihr ostern feiern 
ostern ist ein fest des äußersten 
ihr müsst eine brunst entfachen 
ihr müsst außerhalb jeglichen urteils 
fallen
 ihr müsst über euch hinaus 
ihr müsst 
feuer bringen 
ihr müsst brotbrechen 
ihr müsst auferstehn 
ihr müsst aufstehn 

aufstand  
gegen alle wände 
die menschen von menschen trennen! 


 wilhelm willms


Sonntag, 23. April 2017

Fischzug


Ein kleiner Junge,
neugeboren, lebend geboren,
wurde am Nachmittag des Karsamstags 2017
in Schifferstadt gefunden.
Zwei Mitarbeiter einer Spedition 
entdeckten die kleine Leiche
in einem Altkleidersack.
Sie waren dabei,
die Säcke aus Sinsheim oder Mühlhausen
in einen  sogenannten Schiffscontainer zu verladen,
der als Sammelstelle für Altkleider verwendet wird.

Der Junge war in diese beiden Handtücher gewickelt.


Wer bist du, Kind?






Mittwoch, 11. Mai 2016

einstimmig


stimm an, tote,
das große wort,
lass uns hören,
was zu sagen ist,
gib den ton an,
damit es stimmt,
so sprechen wir
aus einem mund,
dein vorbild
lacht uns an.



Sr.


für Mirjam Hege



*

Sonntag, 17. April 2016

es steht geschrieben


"Diejenigen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind,
wollen mitwirken an der physischen Welt.
Dieses Mitwirken ist nur scheinbar ein physisches Mitwirken,
denn alles Physische ist nur ein äußerer Ausdruck des Geistes.
Das materialistische Zeitalter hat die Menschen der Welt der Toten entfremdet;
die geistige Wissenschaft muss die Menschen der Welt der Toten wiederum befreunden.
Eine Zeit muss wiederum kommen,
wo wir es den Toten nicht dadurch unmöglich machen,
ihre Arbeit auch hier für die Vergeistigung der physischen Welt zu tun,
dass wir uns ihnen entfremden.
Denn der Tote kann nicht mit Händen angreifen die Dinge hier in der physischen Welt
und physische Arbeit unmittelbar verrichten.
Das wäre ein unsinniger Glaube.
Der Tote kann auf geistige Weise wirken.
Dazu braucht er aber die Werkzeuge, die ihm dazu zur Verfügung stehen;
dazu braucht er das Geistige, das hier in der physischen Welt lebt.
Wir sind nicht nur Menschen, sondern wir sind auch zu gleicher Zeit Werkzeuge,
die Werkzeuge für die Geister, die durch die Pforte des Todes gegangen sind.
Wir bedienen uns, solange wir im physischen Leibe verkörpert sind,
der Feder oder des Hammers oder der Axt;
sind wir nicht mehr im physischen Leibe verkörpert,
dann sind unsere Werkzeuge die menschlichen Seelen selber."


Rudolf Steiner
Bausteine einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha
Berlin, 6. März 1917




Montag, 29. Februar 2016

vogel februar

handzahm hätten
wir dich gern gesehen

als kleinen
federnden aufschwung

vorfrühlingsküsse
vielleicht

falsch

stattdessen stießt du
uns zu

deine staccati schossen
im sturzflug

schlugen zu buch
das letzte wort

jetzt stehen wir auf



Sr.